Wetzlar und das Drechseln

Ein altes Handwerk, das glücklich macht und was August Bebel damit zu tun hat.

Wetzlar gilt zu Recht als eine mittelhessische Stadt, in der bedeutende Menschen gelebt haben und nachhaltig wirkten und noch wirken. Zu den klangvollen Namen Johann Wolfgang von Goethe, Ernst Leitz und Johann Wolfgang Buderus sollte künftig häufiger als in der Vergangenheit auch der Name August Bebel genannt werden.

Und zwar aus einem besonderem Grund: Am 14.07.2021 wurde der
Verein zur Förderung des Drechslerhandwerks Wetzlar e.V. beim Amtsgericht Wetzlar
ins Vereinsregister eingetragen und damit die Gründung des Vereins vom 25.06.2021 bestätigt.
Als Kurzbezeichnung hat sich schnell „die Rundmacher“ eingebürgert.

Aber was hat August Bebel als Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie und verehrter
Arbeiter-Kaiser“ mit dieser Gründung zu tun?

August Bebel wohnte ab 1846 in der Brodschirm 2 in Wetzlar, der Geburtsstadt seiner Mutter. Nach dem Schulabschluss konnte er seinen Wunsch auf ein Studium im „Bergfach“ wegen fehlender Mittel nicht verwirklichen, und so begann er 1854 eine dreijährige Lehre als Drechsler bei Drechslermeister Carl Ellenberger in der Krämerstraße – schräg gegenüber der neuen Drechslerei der Rundmacher. Für sein Gesellenstück erhielt er die Bestbewertung.
An seinem letzten Lehrtag verstarb sein Meister, und so wurde er gleich Geschäftsführer des Handwerksbetriebs – allerdings nur für wenige Monate, um im Auftrag der Witwe den Betrieb zu liquidieren. Wie damals üblich ging er anschließend auf Wanderschaft, vor allem in Süddeutschland und Österreich. Bei seiner Rückkehr nach Wetzlar fand er keine Arbeit und musste weiterziehen.

Ab 1860 arbeitete er in Leipzig zunächst als Drechslergeselle und erwarb schließlich den Meistertitel in diesem auch damals angesehenen Handwerk. Die Fotografie aus dem Jahr 1863 – möglicherweise aufgenommen anlässlich seiner bestandenen Meisterprüfung – zeigt August Bebel zu seiner aktiven Zeit als Drechsler. 1864 eröffnete er im Hinterhaus des Hauses Drei Könige eine eigene Drechslerwerkstatt, die er bis 1876 betrieb. – Es ist überliefert, dass August Bebel als Unternehmer schon damals seinen Arbeitern höhere Löhne bei kürzeren Arbeitszeiten zahlte.

Auch in seinem späteren Leben als Politiker verlor Bebel nie die Beziehung zu Wetzlar, besuchte die Stadt wiederholt und übernachtete dabei mehrfach im Lottehaus. Nach seinem Tod hinterließ er der Stadt Wetzlar 6000 Mark zur Unterstützung von Armen und Waisen.

Die Kinder- und Jugendjahre August Bebels in Wetzlar und seine späteren Verbindungen zur Stadt werden im Detail in diesem Vortrag geschildert, der 2013 in Wetzlar in einer Gedenkfeier anlässlich des 100. Todestags des Sozialdemokraten gehalten wurde. Hier lesen Sie in Auszügen August Bebels Lebenserinnerungen „Aus meinem Leben“ aus dieser Zeit. Seine vollständige Autobiographie kann in der Drechslerei eingesehen werden.

Und in dieser geschichtsträchtigen Stadt eröffnete pünktlich zum Gallusmarkt 2022 in der Langgasse 37 eine Drechslerei mit historischen und modernen Arbeitsgeräten. Große Fenster und Türen gaben den Blick frei auf ein Handwerk, das wie kein anderes mit der Kulturgeschichte der Menschheit verbunden ist.

Im Sommer 2025 bot sich den Rundmachern die Möglichkeit, aus der Neustadt in die Altstadt Wetzlars umzuziehen. Die neue Drechslerei in der Krämerstraße 12 liegt damit keine 100 m vom ehemalige Wohnhaus von August Bebel entfernt. Dieser neue Standort ist ein historisches, denkmalgeschütztes Haus, das von den Besitzern mit viel Liebe, Fingerspitzengefühl und Aufwand restauriert wurde. Es bietet für Drechselvorführungen, Drechselkurse und Vorstellung der Arbeiten unserer Mitglieder eine ganz besondere Atmosphäre.

Das Herzstück der ehemaligen Drechslerei in der Neustadt war eine 350 Kilogramm schwere gusseiserne Drechselbank der Gießener Maschinenfabrik Heyligenstaedt. Auf dem Typenschild steht die Zahl 1947 als Baujahr. Aber die alte Dame ist fit, auch weil sie mit einem elektronischen Drehzahlregler nachgerüstet ist. Auf ihr können zum Beispiel Schalen bis zu einem Durchmesser von 60 Zentimetern gedreht werden. Nach dem 2. Weltkrieg wurden in der Maschinenfabrik Heyligenstaedt nur 300 Exemplare dieses Typs gebaut. Weshalb und vor welchem Hintergrund ist auch Teil der mittelhessischen Industriegeschichte. Die Rundmacher sind gern bereit, diese Geschichte zu erzählen.
Überhaupt, Fragen sind immer willkommen und erwünscht!

Diese schwere alte Dame wollten wir allerdings dem historischen Gebäude in der Krämerstraße nicht zumuten. Dafür stehen in der neuen Drechslerei fünf moderne Drechselbänke den Interessierten, den Anfängern und den gestandenen Hobbydrechslern zur Verfügung. Somit sind die Rundmacher bestens gerüstet für Drechselkurse, die jetzt auch zusammen mit der Volkshochschule Wetzlar angeboten werden.

Die Wetzlarer Rundmacher verfügen nicht wie einst August Bebel über einen Gesellenbrief, dafür aber über viel Lust und Freude am Handwerk. Sie haben sich die Fertigkeiten meist autodidaktisch oder in Kursen namhafter Drechslermeister angeeignet und brennen darauf, ihre Begeisterung fürs Drechseln weiterzugeben. Wenn in der Drechslerei Späne fliegen, ist Publikum deshalb hochwillkommen. Je neugieriger, desto besser. Die Rundmacher laden jeden Samstag von 10 bis 16 Uhr Wetzlarer und Besucher der Stadt in ihre Werkstatt ein. Nicht nur zum Zuschauen, sondern auch zum Mitmachen.

Und wer auf der Suche nach nützlichen, schönen und kreativen, immer aber einzigartigen Objekten aus Holz ist, kann in einer kleinen Ausstellung in der Drechslerei Arbeiten unserer Mitglieder in Augenschein nehmen und wird dabei von Rundmachern fachkundig beraten. Gratis gibt es Informationen aus der Welt der Hölzer, natürlich vor allem der europäischen Hölzer.

Peter Gwiasda aus Wehrheim, international anerkannter Drechselvirtuose und Liebhaber von Drechselbänken der Marke Heyligenstaedt, verfasste die Urversion dieses geschichtlichen Rückblicks, der anlässlich des Umzugs aktualisiert wurde. Er ist Mitglied unseres Vereins.