Drechslerausbildung in Michelstadt

In der Woche nach der ersten Öffnung der neuen Drechslerei in der Krämerstraße, als noch fleißig an der Sitzecke gewerkelt wurde, bekamen wir einen Besuch, der beide Seiten sehr erstaunte: Paula und ihre Mutter, eine ehemalige Wetzlarerin, waren sehr verwundert, in der Wetzlarer Altstadt auf die Drechslerei eines Vereins von Hobbydrechslern zu treffen, wo doch – zur großen Freunde auf unserer Seite – Paula vor wenigen Wochen eine Ausbildung zur Drechslerin begonnen hatte.  Natürlich wurden sofort Details über die Drechslerausbildung in Michelstadt einerseits und über die Ziele der Rundmacher andererseits ausgetauscht. Paula versprach, in Kontakt zu bleiben und für uns über ihre Erfahrungen zu berichten.
Gestern schickte sie diesen ersten Bericht:

Meine Ausbildung im Drechslerhandwerk in Michelstadt, Hessen

“Was lernst du? Drechslerin?”
“Was macht man denn als Drechslerin?”
“Kann man damit überhaupt heutzutage noch sein Geld verdienen?”

Das Drechslerhandwerk ist eines der ältesten Handwerke der Menschheit. Es mag vielleicht auf den ersten Blick etwas aus der Zeit gefallen wirken, solch einen Beruf heutzutage noch erlernen zu wollen, wo doch alles mittlerweile maschinell massenproduziert wird. Doch dass ein traditionsreiches Handwerk auch modern und zeitgemäß gedacht werden kann, erkennen viele meistens erst auf den zweiten Blick.

Mein Name ist Paula Braun, ich bin 21 Jahre alt und komme aus Kassel. Diesen August habe ich meine Ausbildung zur Drechslerin in Michelstadt angefangen und bin damit die einzige im ersten Lehrjahr.

Direkt neben der Drechsler-Werkstatt befindet sich die Werkstatt der Elfenbeinschnitzer, die hier an der einzigen Schule Europas diesen aussterbenden Beruf erlernen. Daneben befinden sich des weiteren die Modellier-Werkstatt und die Räumlichkeiten der Holzbildhauer. Durch den Zusammenschluss der Werkstätten in den verschiedenen Kunsthandwerken erlernt man primär seinen ausgewählten Ausbildungsberuf, doch es ergeben sich immer wieder Schnittpunkte, wo man sich austauscht, zusammenarbeitet oder sogar Themen der anderen Gewerke mit begleitet und mit seinem eigenen Gewerk kombiniert.

So haben die Elfenbeinschnitzer und Holzbildhauer auch Drechselunterricht und ich, als Drechslerin, bin oftmals bei den Elfenbeinschnitzern mit dabei. Dadurch war es mir bereits möglich, dass ich einen kleinen Kettenanhänger aus Mammutelfenbein drechseln konnte. Da die Gewerke ”Elfenbeinschnitzer” und ”Drechsler” sowieso eine gemeinsame Vergangenheit haben und oftmals spannende Materialkombinationen entstehen, finde ich es umso wertvoller, dass mir schon von Anfang an diese Perspektiven eröffnet werden.

Außerdem liegt der Fokus in der Ausbildung auch viel auf der Förderung der Kreativität in Verbindung mit dem Handwerk. Somit habe ich auch Zeichenunterricht und Gestaltungslehre, wo einem nicht nur Anatomie und die Naturalismuskriterien des Zeichnens nähergebracht werden, sondern auch praktische Arbeiten geübt werden. Es werden Wale aus Ton gefertigt, gebrannt und lasiert, es werden Schneckenhäuser aus Gips gegossen oder ganze Büsten geformt.

Die Ausbildung in Michelstadt ist zwar eine vollschulische Ausbildung, doch man hat dadurch keinerlei Nachteile, was das Erlernen des Berufs angeht. Die Ausbildung umfasst Möglichkeiten, die ich in einem Betrieb nie gehabt hätte. Das beste Beispiel dafür sind wohl die Schaber: Wir haben die Werkzeuge selbst geschmiedet, bevor wir die dazu passenden Schabergriffe gedrechselt haben. Dadurch erlernt man ein umfassendes Bewusstsein für den Herstellungsprozess einfachster Alltagsgegenstände, die wir vollkommen selbstverständlich benutzen, ohne uns im Klaren darüber zu sein, wie viele Schritte und Arbeitsstunden in ein einziges Werkstück gesteckt werden. 

Wer also meint, dass solch ein altes Handwerk nicht zukunftsbeständig oder erschwinglich zu lernen ist, der muss sich fragen, warum es dann noch nicht in den letzten 3500 Jahren ausgestorben ist. Tradition heißt nicht unbedingt alt. Es heißt wesentlich, dass es eine lange Geschichte aufweist, doch man kann auch mit einer langen Tradition den Blick in die Zukunft richten und sich trauen, alt und neu zu verbinden.

Ganz herzlichen Dank an Paula für diese Einblicke in das moderne und zeitgemäße, kunsthandwerkliche Drechseln.

Die Berufsfachschule für das Holz und Elfenbein verarbeitende Handwerk in Michelstadt, wo die Tradition des Drechseln und der Elfenbeinschnitzerei bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht, ist einer von drei Orten in Deutschland, an denen das Drechseln als professionelles Handwerk noch gelehrt wird.

Auf dem Michelstädter Weihnachtsmarkt, der auch in diesem Jahr mit über 100 liebevoll gestaltetet Weihnachtsbuden und lebensgroßen Holzfiguren die Besucher anzieht, sind die Holz- und Elfenbeinhandwerker im Gemeinschaftraum Löwenhof zu finden (siehe Programm des Weihnachtsmarkts). 

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